• Prognosemärkte und Wahlwetten nähern sich bei den US-Midterms einem Milliardenvolumen.
• Kalshi und Polymarket bieten bereits mehr als 21.000 Wahlmärkte an.
• Neue Regeln und Streit um Sportkontrakte erhöhen den Druck auf die Branche.
Die Prognosemärkte in den USA erleben vor den Zwischenwahlen zum Kongress am 3. November 2026 einen deutlichen Aufschwung. Auf Plattformen wie Kalshi und Polymarket wurden bis zum 15. Oktober bereits mehr als 750 Millionen US-Dollar an nominalem Handelsvolumen mit Kontrakten zu den Wahlen umgesetzt. Das entspricht nahezu dem Achtfachen des Volumens, das bei Kongress- und bundesstaatlichen Wahlen im Jahr 2024 erreicht wurde. Die Zahlen zeigen, wie stark sich politische Ereignisse inzwischen zu einem zentralen Geschäftsfeld der Branche entwickelt haben.
Nach Einschätzung des Anti-Corruption Data Collective, einer gemeinnützigen Forschungsorganisation, könnten die Handelsaktivitäten bis zum Abschluss der Wahlen auf 1,6 Milliarden Dollar steigen. Auf Kalshi und Polymarket waren zuletzt mehr als 21.000 unterschiedliche Wahlmärkte verfügbar. Dabei können Nutzer unter anderem auf Mehrheiten im Kongress, Ergebnisse einzelner Wahlkreise und politische Entwicklungen setzen. Das tatsächliche Handelsvolumen liegt damit deutlich über dem Niveau der vergangenen Zwischenwahlen.
Zum Vergleich: Bei den US-Wahlen 2024 entfielen außerhalb des Präsidentschaftsrennens lediglich 92,4 Millionen Dollar auf andere Wahlkontrakte. Der damalige Präsidentschaftswahlkampf hatte dem Geschäft dagegen einen entscheidenden Schub gegeben. Am Wahlabend lag die von Polymarket angezeigte Wahrscheinlichkeit für einen Sieg Donald Trumps bei rund 58 Prozent, während mehrere etablierte Medien und Umfragen ein wesentlich engeres Rennen signalisiert hatten.
James Surowiecki, Autor des Buches „The Wisdom of Crowds“, erklärt:
„Diese Zwischenwahlen werden großes Interesse wecken, weil viel auf dem Spiel steht. In dieser Hinsicht sind sie einer der größten Tests für Prognosemärkte.“
Die Entwicklung könnte zeigen, ob solche Plattformen dauerhaft als Ergänzung zu klassischen Umfragen wahrgenommen werden oder ob die aktuelle Nachfrage vor allem von der besonderen politischen Aufmerksamkeit vor der Wahl profitiert.
NBA begrenzt bestimmte Wetten auf Spielerleistungen
Während politische Kontrakte wachsen, verschärft sich auch die Debatte über die Integrität von Sportmärkten. Die nordamerikanische Basketballliga NBA und ihre offiziellen Sportwettenpartner haben sich auf Einschränkungen für bestimmte sogenannte Prop Bets verständigt. Diese beziehen sich auf individuelle Leistungen von Spielern, etwa Punkte, Rebounds oder Assists. Künftig sollen Wettanbieter keine individuellen Statistikwetten mehr für Spieler anbieten, von denen weniger als 12 Minuten Einsatzzeit erwartet werden. Zudem werden Kombinationswetten eingeschränkt, bei denen Kunden auf mehrere statistische Werte desselben Spielers unterhalb einer festgelegten Marke setzen.
Ein Beispiel betrifft LeBron James: Bei traditionellen Wettanbietern soll es nicht mehr möglich sein, in einer Kombination gleichzeitig darauf zu setzen, dass er bei Punkten, Rebounds und Assists unter den jeweiligen Erwartungen bleibt. Auf Polymarket war eine solche Dreierkombination für James‘ Debüt bei den Philadelphia 76ers dagegen weiterhin verfügbar. Ein Einsatz von 10 Dollar versprach dort eine Auszahlung von 14,19 Dollar. Kalshi führte am Freitagabend keine vergleichbaren NBA-Märkte für kombinierte Unter-Wetten.
Die NBA führt Gespräche mit der US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC), um einen Rahmen für die Integrität von Sportkontrakten auf Prognosemärkten zu schaffen. Eine entsprechende Absichtserklärung wurde bislang jedoch nicht unterzeichnet. NBA-Vizepräsident Scott Kaufman-Ross erklärte gegenüber ESPN, dass Beschränkungen für Spielerwetten ohne eine Vereinbarung mit der Behörde schwierig umzusetzen sein könnten.
Hintergrund sind mehrere Manipulationsskandale rund um Spielerstatistiken. In den kommenden Monaten sollen sich mehrere ehemalige Spieler vor Gericht verantworten. Die Liga will deshalb verhindern, dass besonders anfällige Wettmärkte die Integrität des Wettbewerbs gefährden.
CFTC will Prognosemärkte rechtlich neu einordnen
Parallel dazu arbeitet die CFTC an einer möglichen Ausweitung der Definition von Finanz-Swaps. Am 9. Oktober 2026 veröffentlichte die Behörde einen Vorschlag, der bei Zustimmung auch Kontrakte auf Sport- und Politikereignisse als solche Finanzinstrumente einstufen könnte. Damit würde sie ihre Position stärken, dass die Regulierung dieser Märkte grundsätzlich in ihre Zuständigkeit fällt. Mehrere Berufungsgerichte haben allerdings bereits Zweifel daran erkennen lassen, dass Sportkontrakte automatisch Vorrang vor den Glücksspielgesetzen einzelner Bundesstaaten haben.
CFTC-Vorsitzender Michael Selig verteidigt den Ansatz. Die Behörde müsse Marktmanipulation, Insiderhandel, betrügerische Geschäfte und andere problematische Aktivitäten kontrollieren können, unabhängig davon, ob es sich um Öl, andere Rohstoffe oder Ereigniskontrakte handelt.
Michael Selig, Vorsitzender der CFTC, erklärt:
„Wir regulieren solche Geschäfte täglich auf unseren Derivatemärkten, egal ob es um Öl oder irgendeinen anderen Rohstoff geht. Meine Sorge ist, dass man in einem Casino kein Orderbuch anbieten kann. So funktionieren diese Wetten nicht, wenn sie bei einem Buchmacher platziert werden.“
Die Debatte reicht über politische und sportliche Ereignisse hinaus. Bloomberg berichtete, dass die CFTC und das US-Justizministerium 2,6 Milliarden Dollar an Ölgeschäften untersuchen, die auffällig kurz vor der Eskalation des Konflikts mit dem Iran platziert worden sein sollen. Zudem prüfte die Behörde laut The Wall Street Journal im vergangenen Monat rund 5 Milliarden Dollar an Handelsaktivitäten auf Kalshi im Zusammenhang mit Bitcoin-Perpetual-Futures. Kalshi wies Vorwürfe des sogenannten Wash Tradings zurück, bei dem Geschäfte künstlich erzeugt werden, um Handelsaktivität vorzutäuschen.
Damit stehen Prognosemärkte vor einer doppelten Herausforderung: Das Wahlgeschäft wächst in Richtung Milliardenvolumen, während die regulatorischen Grenzen zwischen Finanzkontrakten und Glücksspiel weiterhin umkämpft sind. Die kommenden US-Midterms werden zeigen, wie groß die Nachfrage nach politischen Märkten tatsächlich ist. Gleichzeitig dürfte die Entscheidung über die neuen CFTC-Regeln maßgeblich dafür sein, unter welchen Bedingungen Anbieter ihre Produkte künftig in den USA anbieten können.

