• Glücksspiel in NRW bleibt trotz weniger Spielhallen weit verbreitet.
• Illegale Automaten und fehlende Kontrollen bereiten den Experten Sorgen.
• Gleichzeitig erreicht die Suchtberatung nur einen kleinen Teil der Betroffenen.
Das Glücksspielangebot in Nordrhein-Westfalen bleibt trotz rückläufiger Zahlen bei den Spielhallen auf einem hohen Niveau. Das zeigt die 18. Auflage der „Roten Studie“ der Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW, auf die auch der WDR in seiner aktuellen Berichterstattung eingeht. Besonders problematisch ist demnach, dass sich das Angebot zunehmend ins Internet und in andere Bereiche verlagert, während die kommunale Kontrolle und die Versorgung mit Beratungsangeboten Lücken aufweisen.
Die Entwicklung lässt sich zunächst an den Spielhallen ablesen: Zwischen 2024 und 2026 ist deren Zahl um fast 10 Prozent zurückgegangen. Daraus lässt sich nach Einschätzung der Fachleute allerdings nicht ableiten, dass das Glücksspielproblem kleiner geworden ist. Vielmehr habe sich ein Teil des Angebots verlagert – insbesondere ins Internet.
Die „Rote Studie“ dokumentiert seit 1998 die Entwicklung des Glücksspielangebots in Nordrhein-Westfalen. Erfasst werden unter anderem Spielautomaten, Lottoannahmestellen und Pferdewetten. Die aktuelle 18. Auflage zeigt, dass die klassische Erfassung des stationären Marktes allein nicht mehr ausreicht. Online-Glücksspiel wird in der Untersuchung nicht vollständig abgebildet. Gerade diese Verlagerung erschwert eine Gesamtbewertung des Angebots und stellt Kommunen vor zusätzliche Kontrollaufgaben.
Besonders deutlich wird die hohe Angebotsdichte bei Spielautomaten. In NRW kommt weiterhin nur ein Automat auf 464 Einwohner. Gleichzeitig hat die Zahl der Spielgeräte in Gaststätten und Kneipen zugenommen. Die Fachstelle bewertet diese Entwicklung kritisch, weil dort häufig Alkohol ausgeschenkt wird und dadurch die Hemmschwelle für Glücksspiel sinken kann.
Illegale Automaten und Kontrolllücken
Ein besonderes Problem sehen die Autoren bei sogenannten Fun-Games. Dabei handelt es sich um Geräte, die nach außen als Unterhaltungs- oder Geschicklichkeitsspiele erscheinen, tatsächlich aber Gewinne auszahlen können. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass solche illegalen Geräte weiterhin in erheblichem Umfang vorkommen.
Bei den kontrollierten Kommunen wurden in einem Viertel entsprechende illegale Geräte entdeckt. Noch auffälliger ist die Situation in den untersuchten Großstädten: Dort lag der Anteil bei mehr als 70 Prozent. Die Zahlen beziehen sich allerdings nur auf tatsächlich durchgeführte Kontrollen.
Jeanette Wolff, Leiterin der Suchtberatungsstellen im Rhein-Erft-Kreis, erklärt:
„Das Problem ist eindeutig verlagert. Der Rückgang hat nichts damit zu tun, dass das Problem kleiner wird.“
Nach ihrer Einschätzung seien die Möglichkeiten zum Spielen durch das Internet weiterhin umfangreich. Zudem wurden im vergangenen Jahr rund 30 Prozent der Kommunen überhaupt nicht kontrolliert. Damit dürfte die tatsächliche Zahl illegaler Geräte höher liegen als die offiziell erfassten Fälle. Die Landesfachstelle sieht deshalb deutlichen Handlungsbedarf bei der kommunalen Überwachung.
Auch die Entwicklung bei den Spielautomaten in Gaststätten bereitet den Experten Sorgen. Dort gelten die Kontrollmöglichkeiten als teilweise schwächer als in klassischen Spielhallen. Unter anderem seien die Alterskontrollen weniger konsequent.
Wenig Hilfe trotz großer Nachfrage
Neben der Angebotsdichte zeigt die Studie ein zweites Problem: Menschen mit Glücksspielproblemen nehmen vorhandene Hilfsangebote vergleichsweise selten in Anspruch. In fast jeder Kommune gibt es Glücksspielgeräte, aber nur ungefähr jede achte Kommune verfügt über eine entsprechende Suchtberatungsstelle.
Dabei fehlt es den bestehenden Einrichtungen offenbar nicht grundsätzlich an Kapazitäten. Jeanette Wolff berichtet aus dem Rhein-Erft-Kreis von maximal zwei bis drei Erstgesprächen pro Woche für den gesamten Kreis. Die Beratungsstellen könnten deutlich mehr Menschen aufnehmen, würden aber nur selten von Betroffenen kontaktiert.
Besonders schwierig ist die Versorgung in ländlichen Regionen. Betroffene müssen teilweise viele Kilometer bis zur nächsten Beratungsstelle zurücklegen, was ohne eigenes Auto eine erhebliche Hürde darstellen kann. Digitale Angebote und Chatberatung können diese Lücke zumindest teilweise schließen. Nach Angaben aus dem Rhein-Erft-Kreis wurden darüber bereits neue Klienten erreicht. Die Fachleute betonen jedoch, dass Online-Beratung die persönliche Betreuung nicht vollständig ersetzen sollte.
Als mögliche Gründe gelten unter anderem die Stigmatisierung und die Möglichkeit, eine Glücksspielsucht lange geheim zu halten. Anders als bei einer Alkoholabhängigkeit könne das problematische Verhalten im Alltag häufig leichter verborgen werden.
Die aktuelle Untersuchung macht deutlich, dass weniger Spielhallen nicht automatisch weniger Glücksspiel bedeuten. Während stationäre Standorte zurückgehen, bleiben Spielautomaten dicht verbreitet, zusätzliche Geräte finden sich in Gaststätten und illegale Fun-Games werden bei Kontrollen regelmäßig entdeckt. Parallel wächst die Bedeutung des Online-Angebots, das durch die klassische kommunale Erfassung nur unzureichend abgebildet wird.
Für die Kommunen ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck: Sie müssen illegale Geräte konsequenter kontrollieren und gleichzeitig dafür sorgen, dass Betroffene leichter professionelle Hilfe erreichen. Gerade angesichts der 30 Prozent der Kommunen ohne Kontrolle und der geringen Dichte an Beratungsstellen sieht die Landesfachstelle deshalb weiterhin erheblichen Handlungsbedarf.

