• DraftKings soll KI zur gezielten Ansprache profitabler Spieler eingesetzt haben.
• 2023 wurde dafür ein entsprechendes Modell entwickelt.
• KI-Modell zur Erkennung von Problemspielern wurde dagegen gestoppt.
Der US-Sportwetten- und Glücksspielanbieter DraftKings steht nach einer Recherche der New York Times wegen des Einsatzes von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen in der Kritik. Nach Angaben der Zeitung wurden interne Dokumente ausgewertet und mehr als 40 ehemalige Mitarbeiter interviewt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie DraftKings Daten nutzt, um Spieler gezielt mit Bonusangeboten und anderen Anreizen anzusprechen.
Das Modell sollte anhand des bisherigen Spielverhaltens ermitteln, welche Kunden besonders stark auf kostenlose Wetten und andere Werbeanreize reagieren und dadurch für DraftKings besonders profitabel werden könnten. Ein ehemaliger Datenanalyst namens Jayden Butts arbeitete nach eigenen Angaben mit diesem System.
Das Modell bewertete Kunden anhand ihrer sogenannten „Elastizität“. Gemeint war damit nicht unmittelbar ein Merkmal für problematisches Glücksspiel, sondern die Frage, wie stark ein Spieler auf finanzielle Anreize reagiert. Je höher die Elastizität, desto stärker sollte ein Kunde auf Bonusangebote reagieren und desto höher konnte nach den internen Berechnungen der daraus entstehende Umsatz für DraftKings sein.
DraftKings testete das Elastizitätsmodell im September 2023 zunächst mit rund 5.000 Casino-Spielern. Das System wertete zahlreiche Datenpunkte aus, darunter Spielhäufigkeit, Kontostände und bisherige Verluste. Spieler mit niedriger Elastizität sollten weniger Anreize erhalten, während besonders reaktionsstarke Kunden stärker berücksichtigt wurden. Laut der Recherche wurden die Tests anschließend auf eine größere Nutzergruppe ausgeweitet. DraftKings bestreitet, Kunden aufgrund ihrer Verluste gezielt mit Aktionen anzusprechen.
Online-Slots besonders relevant
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Online-Slots. Ein internes Memo aus 2023, das die New York Times nach eigenen Angaben einsehen konnte, kam zu dem Ergebnis, dass die Umsätze aus Slots stärker auf Werbeanreize reagierten als Einnahmen aus anderen Casino-Spielen. Daten aus dem Frühjahr 2024 zeigten zudem, dass Spieler mit hohen Elastizitätswerten im Durchschnitt mehr an Spielautomaten spielten als Nutzer mit niedrigeren Werten.
Die Zeitung verweist außerdem auf eine britische Untersuchung aus dem Jahr 2016, nach der problematisches Glücksspiel unter Online-Slotspielern innerhalb der damals untersuchten Spielertypen am zweithäufigsten vorkam. An erster Stelle standen Spieler, die an stationären Pokerangeboten teilnahmen. Das belegt allerdings nicht, dass die von DraftKings verwendeten Modelle gezielt problematische Spieler identifizierten.
Jayden Butts, ehemaliger Datenanalyst bei DraftKings, beschreibt seine damalige Aufgabe mit den Worten:
„Ist diese Person jemand, der uns mehr geben wird, als wir ihr geben?“
Wenn das Modell dies bejahte, sei diese Person nach seiner Darstellung für weitere Werbeanreize interessant gewesen.
DraftKings betreibt neben Sportwetten auch Online-Casinospiele wie Spielautomaten und Blackjack. Nach Angaben der New York Times machen diese Angebote fast ein Drittel des Unternehmensumsatzes aus, obwohl sie nur in einer begrenzten Zahl von US-Jurisdiktionen verfügbar sind. Insgesamt zählt DraftKings inzwischen 11 Millionen Kunden, gegenüber 5 Millionen im Jahr 2022.
Die wirtschaftliche Bedeutung solcher Aktionen ist erheblich. Laut einer Analyse der Citizens Bank erzielte DraftKings im vergangenen Jahr rund 8,7 Milliarden US-Dollar Bruttoumsatz mit Sport- und Casinospielern und gab gleichzeitig etwa 3 Milliarden US-Dollar für Promotions aus. Ein DraftKings-Manager erklärte Investoren zudem, Datenanalyse und Data Science hätten 2025 dazu beigetragen, die Margen bei promotionsgetriebenen Sportwetten um 13 Prozent zu verbessern.
KI zur Suchtprävention wurde gestoppt
Parallel zu den Marketingmodellen arbeiteten Mitarbeiter jedoch auch an einer völlig anderen Anwendung künstlicher Intelligenz. Dabei sollte ein System erkennen, ob ein Kunde aufgrund seines Spielverhaltens auf eine problematische Entwicklung zusteuert. Der Informatiker Nestor Hernandez entwickelte ab Mitte 2024 ein entsprechendes Modell, das unter anderem Ein- und Auszahlungen, das Hinterherjagen von Verlusten sowie Alter und Geschlecht berücksichtigen sollte.
Hernandez verließ DraftKings im November 2024, bevor das Modell fertiggestellt war. Ein weiteres Team setzte die Arbeit fort. Nach Angaben des ehemaligen Mitarbeiters Jake Shanin war das System grundsätzlich in der Lage, besser als eine reine Zufallseinschätzung vorherzusagen, ob ein Kunde später eine Intervention benötigen könnte.
DraftKings weist den Vorwurf zurück, Kunden aufgrund ihrer Verluste gezielt zu vermarkten. Das Unternehmen erklärt, seine Promotions richteten sich an Nutzer mit einer anhaltenden und intensiven Nutzung der Plattform. Chief Responsible Gaming Officer Lori Kalani sagte, DraftKings beobachte potenziell riskantes Verhalten und benötige Kunden, die innerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten und zum Zweck der Unterhaltung spielten. Das Unternehmen hält das bisherige Präventionssystem für geeigneter als eine zusätzliche Vorhersagetechnologie.
Anfang 2025 sollte das neue Risikomodell Führungskräften präsentiert werden, darunter auch Lori Kalani. Nach Angaben von Shanin wurde das Treffen jedoch am Tag der geplanten Präsentation abgesagt. Zwei weitere Versuche, ähnliche Systeme zu entwickeln, seien nach Aussagen ehemaliger Mitarbeiter ebenfalls eingestellt worden. Kalani erklärte gegenüber der New York Times, die Unternehmensführung habe sich gemeinsam gegen den Einsatz einer solchen Vorhersagetechnologie entschieden, weil aus ihrer Sicht keine ausreichenden Belege für deren Nutzen vorgelegen hätten.
DraftKings verfügt nach eigenen Angaben dennoch über ein umfangreiches System zur Erkennung riskanter Spielmuster. Das Unternehmen beobachtet landesweit mehr als zwei Dutzend verschiedene Indikatoren. Werden bestimmte Schwellenwerte überschritten, können zunächst Hinweise zum verantwortungsvollen Spielen, anschließend ein Informationsvideo und schließlich ein Fragebogen zu den Spielgewohnheiten folgen. In bestimmten Fällen kann ein Konto geschlossen werden. Die konkreten Schwellenwerte veröffentlicht DraftKings nicht.
Lori Kalani von DraftKings betont:
Die Recherche wirft damit eine grundsätzliche Frage zum Einsatz von KI im Online-Glücksspiel auf: Dieselben umfangreichen Kundendaten können genutzt werden, um Werbeangebote präziser zu platzieren, aber auch, um problematisches Spielverhalten frühzeitig zu erkennen. DraftKings setzt nach eigener Darstellung weiterhin auf automatisierte Verfahren zur Überwachung riskanter Verhaltensweisen, lehnt eine prädiktive Risikotechnologie in der von ehemaligen Mitarbeitern entwickelten Form jedoch ab.

