• Die KSA will Glücksspiel und mögliche Schäden bei Jugendlichen früher zum Gesprächsthema machen.
• Eine Kampagne richtet sich an Eltern von 16- bis 25-Jährigen, eine weitere an junge Menschen mit Spielproblemen.
• Zahlen zeigen, wie stark junge Erwachsene im legalen Glücksspielmarkt vertreten sind.
Die niederländische Glücksspielaufsicht Kansspelautoriteit (KSA) startet Anfang November 2026 zwei neue Aufklärungskampagnen. Beide sollen Glücksspiel und mögliche Folgeschäden stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Während sich eine Initiative an Eltern von Jugendlichen und jungen Erwachsenen richtet, spricht die zweite Menschen an, die bereits Schwierigkeiten mit ihrem Spielverhalten haben oder ein erhöhtes Risiko für Glücksspielschäden aufweisen. Auch Angehörige und Freunde werden ausdrücklich einbezogen.
Die erste Kampagne läuft unter dem Namen „OpenOverGokken“ und richtet sich an Eltern von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren. Sie sollen dazu ermutigt werden, Glücksspiel frühzeitig und ohne konkreten Anlass anzusprechen. Die KSA sieht darin ein Thema, das ähnlich selbstverständlich behandelt werden sollte wie Sexualität, persönliche Sicherheit oder der Umgang mit dem Internet. Denn junge Menschen begegnen Glücksspielangeboten längst nicht nur auf klassischen Wettseiten, sondern auch über soziale Medien, Onlinevideos, Werbung und Inhalte innerhalb von Computerspielen.
Im Mittelpunkt der Kampagne stehen junge Menschen selbst. Sie berichten, wie ihre Eltern mit ihnen über andere sensible Themen sprechen, und regen dazu an, Glücksspiel ebenfalls in solche Gespräche einzubeziehen. Die Botschaft lautet sinngemäß: Eltern sollten nicht erst dann nachfragen, wenn bereits ein Problem erkennbar ist. Vielmehr gehe es darum, frühzeitig eine Gesprächsbasis zu schaffen, damit Jugendliche Risiken besser einordnen und sich bei Schwierigkeiten an ihre Eltern wenden können.
Laut dem jüngsten Jahres- und Halbjahresbericht der KSA entfielen rund 22 Prozent aller legalen Glücksspielkonten auf Menschen zwischen 18 und 23 Jahren. Ihr Anteil an der erwachsenen Bevölkerung beträgt dagegen nur etwa 9,2 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 lag der durchschnittliche monatliche Verlust auf Konten dieser Altersgruppe bei 34 Euro. Eine weitere Auswertung zeigt, wie früh viele nach Erreichen der Volljährigkeit ein Konto eröffnen: 2024 und 2025 geschah dies bei 11 Prozent der 18-Jährigen bereits am Geburtstag und bei 38 Prozent innerhalb des ersten Monats.
Die Initiative baut auf dem Informationsportal OpenOverGokken.nl auf, das 2025 eingerichtet wurde. Die unabhängige Plattform stellt Informationen über Online- und Offline-Glücksspiel bereit und bietet praktische Hinweise, wie Eltern ein Gespräch beginnen können. Damit soll die Kampagne nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern auch konkrete Hilfestellungen für den Familienalltag vermitteln.
Die Zahlen verdeutlichen, weshalb die KSA den Kontakt mit jungen Menschen und ihren Eltern verstärken möchte. Der Einstieg in den legalen Glücksspielmarkt erfolgt bei einem Teil der Betroffenen unmittelbar nach dem 18. Geburtstag. Gleichzeitig ist der Anteil der 18- bis 23-Jährigen an den Glücksspielkonten deutlich höher als ihr Anteil an der erwachsenen Bevölkerung. Die Aufsicht will deshalb nicht erst auf erkennbare problematische Spielmuster reagieren, sondern das Bewusstsein für Risiken möglichst früh stärken.
Gokstop soll den Weg aus Problemen erleichtern
Die zweite Initiative trägt den Titel „Elk moment is een Gokstop-moment“ – jeder Moment kann ein Zeitpunkt für eine Glücksspielpause beziehungsweise einen Spielstopp sein. Sie richtet sich vor allem an junge Erwachsene, die bereits Probleme mit Glücksspiel haben oder bei denen ein erhöhtes Risiko für entsprechende Schäden besteht. Anders als bei der Elternkampagne geht es hier nicht vorrangig um die Vorbeugung, sondern darum, Betroffene zu einer konkreten Handlung zu bewegen.
Die KSA möchte vermitteln, dass niemand auf einen besonders dramatischen Vorfall warten muss, bevor er sich für einen Stopp entscheidet. Auch eine alltägliche Situation kann Anlass sein, das eigene Spielverhalten zu hinterfragen und eine Sperre zu veranlassen. Die Kampagne soll die Hemmschwelle senken und zeigen, dass ein solcher Schritt nicht kompliziert sein muss. Als mögliche positive Folgen nennt die Aufsicht mehr Ruhe, Erleichterung und wiedergewonnene Zeit für andere Lebensbereiche.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Umfeld der Betroffenen. Familienmitglieder und Freunde können Veränderungen im Verhalten häufig früh wahrnehmen und eine wichtige Rolle dabei spielen, dass jemand Unterstützung sucht. Die Kampagne richtet sich deshalb nicht ausschließlich an Menschen mit Glücksspielproblemen, sondern möchte auch deren Angehörige ermutigen, Warnsignale ernst zu nehmen und bei den ersten Schritten zu helfen.
Derek Longmeier, Vorstandsvorsitzender des US-amerikanischen National Council on Problem Gambling (NCPG), erklärte im Zusammenhang mit einer eigenen Untersuchung zum Glücksspielverhalten von Jugendlichen:
„Eltern machen sich Sorgen darüber, dass ihre Kinder mit Glücksspiel in Berührung kommen. Das ist nachvollziehbar, da Sportwetten und Prognosemärkte immer zugänglicher und sichtbarer werden.“ Die Aussage unterstreicht, dass die Diskussion über Prävention nicht auf die Niederlande beschränkt ist.
Eine vom NCPG in Auftrag gegebene Harris-Poll-Umfrage unter Eltern von Kindern zwischen sechs und 17 Jahren ergab, dass 51 Prozent bereits mit ihren Kindern über Glücksspielrisiken gesprochen hatten. Von den übrigen Eltern planten 40 Prozent ein solches Gespräch, während 9 Prozent dies nicht vorhatten.
Auffällig waren Unterschiede zwischen Vätern und Müttern: 75 Prozent der Väter äußerten Sorgen über mögliches Glücksspiel ihrer Kinder, bei den Müttern waren es 42 Prozent. Die Ergebnisse stammen aus den USA und sind nicht unmittelbar auf niederländische Familien übertragbar.
Die US-Umfrage zeigt zugleich, dass der Gesprächsbedarf nicht allein eine Frage der Glücksspielaufsicht ist. Eltern wünschen sich dem Bericht zufolge vor allem Informationen darüber, wie sich frühe Anzeichen problematischen Spielens erkennen lassen, welche Risiken bei Jugendlichen bestehen und wann beziehungsweise wie sie das Thema ansprechen können. Das NCPG arbeitet deshalb an entsprechenden Informationsmaterialien. Im Vorjahr hatten außerdem mehr als 230 Organisationen seine jährliche Kampagne „Gift Responsibly“ unterstützt, 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Sie richtet sich gegen das Verschenken von Lotterielosen und anderen Glücksspielprodukten an Minderjährige.
Für die KSA wird entscheidend sein, ob die beiden neuen Kampagnen tatsächlich mehr Gespräche, frühere Hilfesuche und zusätzliche Gokstop-Anmeldungen auslösen. Konkrete Zielwerte oder bereits vorliegende Ergebnisse nannte die Behörde zum Start nicht. Eine spätere Bewertung könnte unter anderem berücksichtigen, wie häufig das Informationsportal OpenOverGokken.nl genutzt wird und ob die Zahl der Registrierungen bei Gokstop steigt. Damit setzt die Aufsicht auf einen Ansatz, der Prävention im Elternhaus mit niedrigschwelliger Unterstützung für bereits Betroffene verbindet.

