• Abnehmspritzen und Spielsucht stehen zunehmend im Fokus der Forschung.
• Eine neue US-Studie untersucht, ob GLP-1-Medikamente riskante Geldentscheidungen beeinflussen.
• Nachweis, dass die Mittel Spielsucht behandeln, steht bislang aus.
Medikamente wie Ozempic und Wegovy sind vor allem für ihre Wirkung bei Diabetes und Gewichtsreduktion bekannt. Doch Forschende untersuchen inzwischen, ob sogenannte GLP-1-Medikamente auch bei anderen Verhaltensweisen helfen könnten, die mit starkem Verlangen und kurzfristiger Belohnung verbunden sind. Dazu zählen zwanghaftes Einkaufen, riskante finanzielle Entscheidungen und Glücksspiel. Erste Hinweise sind interessant, ein belegter Therapieerfolg bei Spielsucht lässt sich daraus bislang aber nicht ableiten.
Michael Platt, Neurowissenschaftler und Professor an der Wharton School der University of Pennsylvania, erklärt:
„Wir glauben, dass GLP-1-Medikamente langfristig zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen könnten. Diese könnten sich nicht nur auf die Lebensmittelauswahl, sondern auch auf finanzielle Entscheidungen auswirken.“
Im Mittelpunkt steht das Belohnungssystem des Gehirns. GLP-1-Medikamente beeinflussen Prozesse, die unter anderem mit Appetit, Motivation und dem Erleben von Belohnungen verbunden sind. Die Forschungshypothese lautet, dass sich dadurch nicht nur das Verlangen nach Essen verändern könnte, sondern möglicherweise auch der Drang, zu spielen oder impulsiv Geld auszugeben. Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt und wie stark er ausfällt, muss erst durch gezielte Untersuchungen geklärt werden.
Studie untersucht Impulsivität und finanzielle Entscheidungen
An der Wharton School soll nun eine Untersuchung mit rund 180 Teilnehmenden genauer klären, ob die Einnahme von GLP-1-Medikamenten mit Veränderungen bei finanziellen Entscheidungen zusammenhängt. Die Studie soll von Mitte Oktober 2026 bis etwa März 2027 im MindCORE-Forschungslabor der University of Pennsylvania laufen. Die Forschenden wollen dabei auch untersuchen, ob sich Unterschiede in der Aktivität des Belohnungssystems im Gehirn erkennen lassen.
Dafür werden die Teilnehmenden während eines MRTs mit unterschiedlichen Reizen konfrontiert. Eine Aufgabe umfasst 14 Bilder von Produkten, Dienstleistungen, Erlebnissen und finanziellen Möglichkeiten, darunter ein Jackpot der US-Lotterie Powerball. In einem weiteren Test sollen die Teilnehmenden zwischen einer kleineren sofortigen und einer größeren späteren Auszahlung wählen – beispielsweise zwischen 20 US-Dollar unmittelbar und 50 US-Dollar in zwei Monaten. Anschließend soll eine der Entscheidungen tatsächlich umgesetzt werden, damit die Forschenden nicht nur hypothetische Antworten auswerten.
Die Forschenden wollen mithilfe von MRT-Aufnahmen untersuchen, wie das Gehirn auf unterschiedliche Belohnungen reagiert und welchen Einfluss die Einnahme von GLP-1-Medikamenten dabei haben könnte. Die Tests umfassen sowohl Reize rund um Essen als auch finanzielle Entscheidungen. Die Studie soll Hinweise darauf liefern, ob sich die subjektive Attraktivität bestimmter Belohnungen verändert. Sie ist jedoch keine klinische Therapiestudie, die nachweisen soll, dass die Medikamente eine diagnostizierte Spielsucht erfolgreich behandeln.
Hinter dem Forschungsprojekt steht auch ein wirtschaftliches Interesse an den möglichen Folgen impulsiver Entscheidungen. Die digitale Gesundheitsfirma Noom finanziert die Untersuchung. Ausgangspunkt sind frühere Beobachtungen, wonach Menschen unter GLP-1-Medikamenten nicht nur weniger Appetit verspüren, sondern teilweise auch ein geringeres Verlangen nach anderen belohnenden Aktivitäten beschreiben. Daraus ergibt sich die Frage, ob sich solche Veränderungen langfristig auf Konsumverhalten und finanzielle Entscheidungen auswirken könnten.
Erste Hinweise, aber noch kein Therapienachweis
Auch andere Forschende beschäftigen sich mit dem möglichen Zusammenhang zwischen GLP-1-Wirkstoffen und Suchtverhalten. Ivania Rizo, Assistenzprofessorin für Medizin an der Boston University und Leiterin der Adipositasmedizin am Boston Medical Center, beschreibt den möglichen Mechanismus so: „Wenn diese Medikamente das Verlangen nach Essen verringern, könnten sie möglicherweise auch den Antrieb für andere suchtbezogene Verhaltensweisen abschwächen. Die Medikamente dämpfen die Belohnungssignale im Gehirn – nicht nur bei Lebensmitteln, sondern möglicherweise auch bei anderen Versuchungen.“
Die bisherige Datenlage ist allerdings unterschiedlich stark. Für einen möglichen Nutzen bei Alkoholkonsum gibt es inzwischen aussagekräftigere Untersuchungen, während die Erkenntnisse zu Glücksspielstörungen noch vorläufig sind. Der Internist Keith Roach von Weill Cornell Medicine in New York betont, dass derzeit keine belastbaren klinischen Daten belegen, dass GLP-1-Medikamente eine Glücksspielstörung wirksam behandeln. Mehrere randomisierte kontrollierte Studien zu möglichen Effekten auf Suchtverhalten sind angelaufen, ihre Ergebnisse müssen jedoch erst abgewartet werden.
Das Thema gewinnt vor dem Hintergrund der Verbreitung von Sportwetten und Prognosemärkten zusätzlich an Bedeutung. Eine Untersuchung des Finanzdienstleisters Northwestern Mutual aus dem Jahr 2026 ergab, dass 17 Prozent der Erwachsenen in den USA aktiv an Prognosemärkten oder Sportwetten teilnahmen. Bei der Generation Z waren es 32 Prozent, bei Millennials 24 Prozent und bei den Babyboomern 3 Prozent. In einer weiteren Erhebung gaben 73 Prozent der Befragten an, spekulative Aktivitäten wie Sportwetten oder Kryptowährungen betrieben oder erwogen zu haben, weil sie sich davon bessere Ergebnisse für ihre finanziellen Ziele versprachen als von traditionellen, risikoärmeren Anlagen.
Die Größenordnung des Problems zeigt eine Schätzung des National Council on Problem Gambling: Rund 20 Millionen Erwachsene in den USA haben demnach ein Glücksspielproblem. Zugleich erzielten kommerzielle und Stammescasinos 2025 zusammen knapp 125 Milliarden US-Dollar Bruttospielertrag, ein Rekordwert, der allerdings weder Lotterieverluste noch den Handel auf Prognosemärkten oder Glücksspiel bei nicht lizenzierten Online-Anbietern umfasst.
Ob GLP-1-Medikamente künftig Teil einer Behandlung von Spielsucht werden könnten, ist damit offen. Die aktuellen Untersuchungen liefern eine wissenschaftliche Grundlage, um mögliche Effekte auf Verlangen und Risikobereitschaft genauer zu erforschen. Sie sind jedoch kein Grund, Abnehmspritzen eigenständig gegen Glücksspielprobleme einzusetzen oder etablierte Hilfsangebote zu ersetzen. Für eine medizinische Anwendung bei Spielsucht wären belastbare klinische Ergebnisse und eine ärztliche Bewertung erforderlich.

