• Das Wettverbot in Brasilien lässt die Zahl illegaler Anbieter sprunghaft steigen.
• Innerhalb weniger Tage wurden Hunderte neue Domains registriert.
• Die Branche bereitet gleichzeitig eine Klage vor dem Obersten Gericht vor.
Das von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva verhängte Wettverbot zeigt bereits wenige Tage nach seinem Inkrafttreten in Brasilien eine ungewollte Nebenwirkung: Die Zahl der neu entdeckten illegalen Wettangebote ist massiv gestiegen. Nach Daten der Überwachungsplattform Bet Legal wurden am Abend des 25. September, als die Verbotsmaßnahme bekannt wurde, 295 nicht autorisierte Domains erfasst. Bis zum 27. September waren es bereits 710. Das entspricht einem Anstieg um 141 Prozent.
Besonders stark war die Entwicklung am 26. September. Allein an diesem Samstag registrierte Bet Legal 294 neue illegale Domains. Zum Vergleich: Am 21. September waren 103 neue Domains festgestellt worden, am 22. September 168. Am 25. September wurden insgesamt 79 neue Angebote erfasst, davon 56 nach Bekanntgabe des Wettverbots.
Plínio Lemos Jorge, Präsident der Nationalen Vereinigung für Spiele und Lotterien (ANJL), warnt:
„Die illegalen Webseiten haben ihr Angebot ausgeweitet und operieren weiterhin außerhalb des Gesetzes und der Aufsicht. Jetzt werden sie das Verbot legaler Wetten nutzen, um Wettkunden auf den illegalen Markt zu ziehen.“
Die Zahlen stammen aus einem gemeinsamen Monitoring von Bet Legal und dem auf Cybersicherheit und künstliche Intelligenz spezialisierten Unternehmen Iron Security. Dafür werden unter anderem das brasilianische Amtsblatt, staatliche Veröffentlichungen und Meldungen an die Telekommunikationsbehörde Anatel abgeglichen. Zusätzlich prüfen technische Systeme die Erreichbarkeit, Sicherheitsprotokolle und die Eigentümerinformationen der Domains. Eine Domain entspricht dabei nicht zwingend einem einzelnen Anbieter, da ein Unternehmen zahlreiche Varianten einer Internetadresse betreiben kann.
Schwarzmarkt wächst trotz staatlicher Sperren
Der Anstieg kommt trotz umfangreicher Maßnahmen gegen illegale Glücksspielangebote. Nach Angaben des Finanzministeriums wurden im Land bereits mehr als 78.000 nicht autorisierte Domains blockiert. Zwischen dem 1. Januar und dem 22. September hatte die zuständige Glücksspielbehörde SPA zudem 57.691 Internetadressen an Anatel zur Sperrung weitergeleitet.
Unmittelbar nach dem neuen Wettverbot gingen die Behörden erneut gegen illegale Angebote vor. Das Justiz- und das Finanzministerium meldeten die Abschaltung von 506 illegalen Glücksspiel-Webseiten. Darüber hinaus wurden 43 Telegram-Kanäle und -Gruppen identifiziert, über die illegale Wetten beworben wurden. Zusammen verfügten diese Gruppen über mehr als 212.000 Mitglieder.
Brasiliens Regierung hat mit der am 25. September unterzeichneten Provisional Measure 1.394 den Betrieb, die Vermittlung, das Angebot und die Werbung für Festquotenwetten untersagt. Neue Einzahlungen sind seitdem nicht mehr erlaubt. Spieler können vorhandene Guthaben noch bis zum 5. Oktober um 23.59 Uhr abheben; ab dem 6. Oktober müssen die Webseiten und Apps der bisherigen Anbieter nicht mehr erreichbar sein. Die Regelung betrifft sowohl Wetten auf reale Sportereignisse als auch Online-Spiele und erstreckt sich auch auf Anbieter aus dem Ausland, die sich an brasilianische Kunden richten.
Nach Angaben der ANJL waren vor dem Verbot mehr als 30 Millionen Wettkunden auf dem brasilianischen Markt aktiv. Die Organisation warnt deshalb davor, dass ein erheblicher Teil dieser Nachfrage nun zu nicht regulierten Anbietern wechseln könnte. Dort gelten die für lizenzierte Unternehmen vorgesehenen Anforderungen an Spielerschutz, Kontrolle und staatliche Aufsicht nicht in gleicher Weise.
Der starke Anstieg neuer Domains ist dabei nicht nur ein Problem für die Durchsetzung des Verbots. Er stellt auch die bisherige Strategie infrage, mit technischen Sperren gegen einzelne Internetadressen vorzugehen. Wenn neue Domains innerhalb weniger Stunden entstehen können, müssen Behörden ihre Maßnahmen fortlaufend anpassen.
Branche bereitet Klage vor dem Obersten Gericht vor
Parallel zur Entwicklung auf dem Schwarzmarkt formiert sich der Widerstand der legalen Anbieter. Nach einem Treffen von Betreibern, Branchenverbänden und weiteren Unternehmen mit rund 180 Teilnehmern soll eine gemeinsame juristische Strategie entwickelt werden. Ziel ist zunächst eine einstweilige Aussetzung des Verbots, damit die regulierten Angebote weiterbetrieben werden können.
Im Gespräch sind eine direkte Verfassungsbeschwerde vor dem Obersten Bundesgericht Brasiliens sowie ein gemeinschaftlicher Rechtsbehelf. Die ANJL hat bereits erklärt, die notwendigen rechtlichen Schritte einzuleiten. Ihr Präsident Plínio Lemos Jorge schätzt die Wahrscheinlichkeit eines koordinierten Vorgehens auf 98 Prozent.
Der Streit hat auch eine erhebliche finanzielle Dimension. Brasilien hatte für den regulierten Markt 85 bundesweite Genehmigungen vergeben. Jede Lizenz kostete 30 Millionen R$ (rund 5,07 Millionen Euro) und galt für fünf Jahre, sodass der Staat insgesamt 2,55 Milliarden R$ (rund 430 Millionen Euro) an Lizenzgebühren einnahm. Jede Genehmigung erlaubte den Betrieb von bis zu drei Wettmarken. Die neue Verbotsregelung sieht vor, dass die Beendigung der Genehmigungen aus Gründen des öffentlichen Interesses grundsätzlich keinen Anspruch auf vollständige oder teilweise Rückzahlung der Gebühren oder auf eine staatliche Entschädigung begründet.
Die Anbieter argumentieren unter anderem mit Rechtssicherheit und wirtschaftlicher Freiheit. Außerdem wird geprüft, ob die Regierung die für eine vorläufige Maßnahme erforderliche Dringlichkeit und Relevanz ausreichend begründet hat. Streitpunkt könnte auch die Frage werden, ob bestehende Genehmigungen der Bundesstaaten und des Bundesdistrikts durch die Maßnahme beendet werden dürfen.
Brasiliens Generalstaatsanwalt Jorge Messias erklärte dagegen, die Maßnahme sei einer strengen rechtlichen Prüfung unterzogen worden und die Regierung werde sie vor Gericht verteidigen. Finanzminister Dario Durigan bezeichnete die Genehmigungen als vorläufige verwaltungsrechtliche Beziehungen, die nur so lange bestanden hätten, wie die zugrunde liegende Tätigkeit erlaubt gewesen sei.
Damit stehen sich derzeit zwei Entwicklungen gegenüber: Während die Regierung den regulierten Markt innerhalb weniger Tage abschalten will, entstehen gleichzeitig neue illegale Angebote und die Branche bereitet eine juristische Gegenwehr vor. Ob das Wettverbot dauerhaft Bestand haben wird, hängt letztlich auch von den brasilianischen Gerichten und dem Kongress ab.

