• Neue Glücksspiel-Steuer auf EU-Ebene soll Haushaltslücken schließen.
• Branche warnt vor Marktverzerrungen und schlägt Alternativen vor.
• Politischer Streit um Regulierung und Zuständigkeiten spitzt sich zu.
Ein Vorstoß aus Rumänien bringt Bewegung in eine ohnehin aufgeheizte Debatte: Die EU-Parlamentarier schlagen vor, eine europaweite Steuer von 1 % auf die mit dem Online-Glücksspiel erwirtschafteten Umsätze einzuführen. Die Einnahmen sollen direkt in den nächsten EU-Haushalt fließen und damit neue Finanzierungsquellen erschließen – ein Thema, das angesichts wachsender Ausgaben und geopolitischer Spannungen zunehmend an Brisanz gewinnt.
Konkret geht es um einen Markt, der in Europa bereits heute gewaltige Dimensionen erreicht. Allein der Online-Glücksspielsektor generiert jährlich Einnahmen in Höhe von über 40 Milliarden Euro. Eine Abgabe von 1 % würde entsprechend Hunderte Millionen Euro pro Jahr in die EU-Kassen spülen; bei einer vergleichsweise kleinen Belastung für die Anbieter.
Doch die Idee ist alles andere als unumstritten. Besonders die European Gaming & Betting Association (EGBA) positioniert sich klar gegen eine solche Steuer auf EU-Ebene. Der Branchenverband argumentiert, dass Glücksspiel bereits heute in nahezu allen Mitgliedstaaten hoch reguliert und besteuert sei – teils mit sehr unterschiedlichen nationalen Abgabenmodellen. Eine zusätzliche europäische Ebene würde aus Sicht der Anbieter vor allem zu höheren Steuern und regulatorischer Komplexität führen.
Maarten Haijer, Generalsekretär der EGBA, bringt es auf den Punkt:
„Eine zusätzliche europäische Steuer würde die bestehenden nationalen Systeme untergraben und die Wettbewerbsfähigkeit regulierter Anbieter schwächen.“
Stattdessen bringt die EGBA alternative Ansätze ins Spiel. Diskutiert werden etwa freiwillige Branchenbeiträge, zweckgebundene Abgaben für spezifische Projekte oder eine stärkere Nutzung bestehender Steuermechanismen. Auch wird darauf verwiesen, dass bereits heute Milliardenbeträge an nationalen Glücksspielsteuern erhoben werden – eine zusätzliche EU-Abgabe sei daher weder notwendig noch zielführend.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Glücksspiel ist bislang kein harmonisierter EU-Markt. Die Regulierung liegt bewusst in der Hand der einzelnen Mitgliedstaaten. Eine EU-weite Steuer könnte dieses Prinzip unterlaufen und nationale Modelle destabilisieren – insbesondere in Ländern, die stark auf staatliche Monopole setzen oder besonders hohe Steuersätze haben.
Zwischen Regulierung und Realität: Ein Markt im Wandel
Die Debatte um eine EU-weite Glücksspielsteuer fällt in eine Zeit, in der der Markt ohnehin unter Druck steht. Nationale Regulierungen werden strenger, Werbebeschränkungen nehmen zu und der Kampf gegen illegale Anbieter von Online-Casinos und -Sportwetten verschärft sich.
Gleichzeitig wächst der Online-Sektor weiter dynamisch. Prognosen gehen davon aus, dass der europäische Markt in den kommenden Jahren weiter zweistellig wachsen könnte – ein Umstand, der Begehrlichkeiten weckt, aber auch regulatorische Herausforderungen verschärft.
Ein zentrales Argument der Befürworter: Eine EU-weite Steuer könnte helfen, dieses Wachstum besser zu kanalisieren und zugleich neue Einnahmequellen zu erschließen. Kritiker hingegen warnen, dass zusätzliche Belastungen legale Anbieter schwächen und damit indirekt den Schwarzmarkt stärken könnten.
Während Europa über neue Steuern diskutiert, gehen einzelne Länder bereits gezielt gegen Glücksspiel-Influencer vor. In Deutschland drohen prominenten Werbefiguren wie Rappern empfindliche Strafen, wenn sie unerlaubt für Anbieter werben. Auch Plattformen wie X stehen unter Druck, entsprechende Inhalte stärker zu kontrollieren. In den Niederlanden wurden Influencer-Kampagnen im Glücksspielbereich bereits weitgehend verboten – ein Trend, der europaweit Schule machen könnte.
Die politische Dimension der Steuerdebatte ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Sie berührt Grundsatzfragen der EU-Finanzierung: Welche neuen Eigenmittel sind politisch durchsetzbar? Und wie weit darf Brüssel in nationale Märkte eingreifen?
Klar ist: Der Vorschlag aus Rumänien ist erst der Anfang einer längeren Auseinandersetzung. Ob eine 1 %-Abgabe tatsächlich Realität wird, hängt nicht nur von wirtschaftlichen Argumenten ab, sondern vor allem vom politischen Willen der Mitgliedstaaten.
Für die Glücksspielbranche bedeutet das vor allem eines: Unsicherheit. Zwischen nationalen Regelwerken, wachsendem Regulierungsdruck und möglichen neuen EU-Abgaben wird die strategische Planung zunehmend komplexer.

