• Prognosemärkte und Glücksspiel geraten in Europa zunehmend aneinander.
• Neun Regulierungsbehörden koordinieren erstmals ihr Vorgehen.
• Im Fokus stehen nicht lizenzierte Anbieter mit Sport- und Eventmärkten.
Die Debatte um Prognosemärkte erreicht in Europa eine neue Stufe. Gleich neun europäische Glücksspielbehörden haben eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht und darin ihre Sorge über die zunehmende Verbreitung nicht lizenzierter Prognosemarkt-Plattformen geäußert. Die Aufsichtsbehörden aus Belgien, Spanien, Frankreich, Italien, Österreich, Portugal, Irland und den Niederlanden kündigten an, künftig enger zusammenzuarbeiten und ihre Maßnahmen besser zu koordinieren. Mit von der Partie ist auch die deutsche Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL), wie sie in einem am Freitag veröffentlichten Statement betonte.
Hintergrund ist der rasante Aufstieg von Plattformen wie Kalshi, Polymarket und ähnlichen Anbietern. Diese ermöglichen Nutzern, auf den Ausgang von politischen Ereignissen, Sportveranstaltungen, Wirtschaftsdaten oder gesellschaftlichen Entwicklungen zu spekulieren. Die Betreiber argumentieren häufig, dass es sich dabei um Finanz- oder Handelsprodukte handelt. Viele europäische Behörden sehen darin jedoch klassische Glücksspiele oder zumindest Produkte mit ähnlichen Risiken.
Fehlender Spielerschutz?
Die Regulierer befürchten vor allem, dass solche Angebote ohne die Schutzmechanismen betrieben werden, die für lizenzierte Glücksspielunternehmen verpflichtend sind. Dazu gehören Alterskontrollen, Maßnahmen gegen Geldwäsche, Spielerschutzprogramme und Instrumente zur Prävention problematischen Spielverhaltens. Gleichzeitig würden die Plattformen oftmals grenzüberschreitend operieren und sich damit nationalen Regulierungen teilweise entziehen.
Warum Prognosemärkte umstritten sind
Befürworter betrachten Prognosemärkte als innovative Instrumente zur Vorhersage künftiger Entwicklungen. Sie argumentieren, dass Marktpreise häufig zuverlässige Wahrscheinlichkeiten widerspiegeln. Kritiker sehen dagegen starke Parallelen zu klassischen Wetten. Besonders Sport- und Politikmärkte stehen im Fokus der Debatte, da Nutzer hier direkt auf den Ausgang einzelner Ereignisse spekulieren. Genau diese Nähe zum Glücksspiel sorgt weltweit für regulatorische Konflikte.
Die gemeinsame Erklärung ist bemerkenswert, weil europäische Glücksspielbehörden bislang meist unabhängig voneinander gegen Anbieter vorgingen. Nun soll erstmals ein koordinierter Ansatz entstehen. Ziel ist es, Informationen schneller auszutauschen und gemeinsame Strategien gegen nicht lizenzierte Angebote zu entwickeln.
Behörden sehen wachsende Risiken
Nach Ansicht der Aufsichtsbehörden verschwimmen die Grenzen zwischen Finanzprodukten und Glücksspiel zunehmend. Besonders bei Sportereignissen sei für Verbraucher oft kaum erkennbar, worin sich ein Prognosemarkt von einer klassischen Sportwette unterscheidet.
Die Regulierer verweisen darauf, dass Nutzer auf vielen Plattformen Geld riskieren, um auf den Ausgang eines ungewissen Ereignisses zu spekulieren. Genau diese Merkmale seien in zahlreichen europäischen Rechtsordnungen typische Kennzeichen von Glücksspiel. Deshalb sehen die Behörden die Gefahr, dass bestehende Regelwerke umgangen werden.
Isabelle Falque-Pierrotin, Präsidentin der französischen Glücksspielbehörde ANJ, erklärt: „
Wenn Angebote die Merkmale von Glücksspielen aufweisen, müssen sie denselben Regeln unterliegen wie andere Glücksspielprodukte.“
Hinzu kommt die enorme Dynamik des Marktes. Prognosemärkte haben in den vergangenen Monaten stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Allein im Vorfeld der Fußball-WM 2026 wurden auf verschiedenen Plattformen Handelsvolumina von mehreren Milliarden US-Dollar registriert. Besonders Sportereignisse entwickeln sich zunehmend zu einem wichtigen Wachstumstreiber für die Branche.
Die Erklärung richtet sich dabei nicht ausschließlich gegen einzelne Unternehmen. Vielmehr betonen die Behörden, dass sie generell gegen nicht lizenzierte Angebote vorgehen wollen, unabhängig davon, ob diese als Prognosemarkt, Event-Kontrakt oder Finanzprodukt vermarktet werden.
Europa setzt auf gemeinsame Strategie
Die gemeinsame Erklärung zeigt, dass Prognosemärkte inzwischen weit oben auf der Agenda europäischer Glücksspielaufsichten stehen. Viele Behörden betrachten die Entwicklung als Herausforderung, die sich nicht mehr allein auf nationaler Ebene lösen lässt.
Ein Grund dafür ist die internationale Struktur vieler Anbieter. Plattformen können ihre Dienstleistungen oft gleichzeitig in zahlreichen Ländern anbieten, während Regulierungsbehörden meist nur über nationale Zuständigkeiten verfügen. Durch eine engere Zusammenarbeit wollen die Aufsichten dieses Ungleichgewicht reduzieren.
Für die Betreiber von Prognosemärkten könnte dies schwierige Zeiten bedeuten. Sollte die koordinierte Strategie erfolgreich sein, könnten Lizenzfragen, Zugangsbeschränkungen und regulatorische Verfahren künftig deutlich häufiger werden. Einige Plattformen mussten bereits in mehreren Ländern ihre Angebote einschränken oder rechtlich verteidigen.
Gleichzeitig ist nicht damit zu rechnen, dass die Diskussion kurzfristig endet. Die Anbieter argumentieren weiterhin, dass ihre Produkte eher Finanzinstrumenten als Glücksspielen ähneln. Regulierer sehen das vielfach anders. Genau dieser Grundkonflikt dürfte die Branche noch über Jahre begleiten.
Fest steht jedoch bereits jetzt: Mit ihrer gemeinsamen Erklärung haben neun europäische Glücksspielbehörden ein deutliches Signal gesendet. Prognosemärkte werden nicht länger als Randphänomen betrachtet, sondern als regulatorische Herausforderung, die eine koordinierte europäische Antwort erfordert. Für die Branche könnte dies ein Wendepunkt in der bisherigen Entwicklung sein.

