StartStories & SkandaleCrime120 illegale Online-Casinos: Recherche deckt millionenschweres Netzwerk auf

120 illegale Online-Casinos: Recherche deckt millionenschweres Netzwerk auf

• Großes Netzwerk illegaler Online-Casinos in Deutschland aufgedeckt.
• Leak offenbart ein internationales Firmennetzwerk.
• Einnahmen von über 600 Millionen Euro.


Nach Recherchen von tagesschau.de sowie des Bayerischen Rundfunks, Investigate Europe und weiterer internationaler Medien richtet ein weit verzweigtes Netzwerk von Online-Casinos sein Angebot gezielt an deutsche Spieler, obwohl die erforderliche Lizenz der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) fehlt.

Im Mittelpunkt der Recherche steht der Glücksspielkonzern Soft2Bet mit Sitz in Zypern und Malta, dessen Infrastruktur laut internen Unterlagen zahlreiche unerlaubte Glücksspielseiten unterstützt. Aus dem Whistleblower-Leak geht hervor, dass rund 120 unlizenzierte Glücksspielseiten von Deutschland aus erreichbar sind. 37 davon – darunter die Marken Wazamba und Rabona – werden in den internen Dokumenten sogar als „interne Marken“ geführt.

Die GGL sieht Fortschritte bei der Bekämpfung illegaler Online-Casinos. Laut Tätigkeitsbericht 2025 liegt der Anteil unerlaubter Online-Glücksspiele auf Basis einer wissenschaftlichen Studie bei 23 Prozent, während 77 Prozent des Marktes inzwischen auf regulierte Angebote entfallen. Die Behörde richtet ihre Maßnahmen zunehmend gegen das gesamte Umfeld der illegalen Anbieter – darunter Zahlungsdienstleister, Werbepartner und technische Dienstleister –, um deren Geschäftsmodelle dauerhaft zu erschweren.

Zwischen 2020 und 2024 sollen Soft2Bet und verbundene Unternehmen mehr als 600 Millionen Euro aus Geschäften mit illegalen Online-Casinos eingenommen haben. Eine Auswertung von Similarweb-Daten zeigt außerdem, dass allein im Mai 2026 rund acht Millionen Aufrufe aus Deutschland auf von Soft2Bet betreute unlizenzierte Casino-Seiten entfielen.

Spielsucht und fehlender Spielerschutz

Die Recherche schildert auch die Erfahrungen eines anonymen IT-Fachmanns, der nach einer Spielsperre in Deutschland auf unlizenzierte Online-Casinos auswich. Dort fehlten zentrale Schutzmechanismen wie Sperrsysteme, Einsatzlimits oder ein vollständiges Impressum. Nach Angaben des Sucht- und Drogenbeauftragten leiden in Deutschland hochgerechnet rund 1,3 Millionen Erwachsene an einer Glücksspielstörung.

Ronald Benter, Vorstand der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL), betont:

„Wir richten die Bekämpfung illegalen Online-Glücksspiels konsequent auf das gesamte Marktumfeld aus. Neben den Anbietern nehmen wir zunehmend auch die beteiligten Dienstleister in den Blick.“

Besonders problematisch sei, dass illegale Anbieter gesperrte Spieler gezielt zurückholen. Nach Angaben der Recherche kontaktieren Callcenter Kunden telefonisch oder per Messenger-Dienste und motivieren sie mit Bonusangeboten oder persönlicher Betreuung zum Weiterspielen. Dadurch würden Schutzmaßnahmen legaler Anbieter gezielt unterlaufen.

Internationale Strukturen erschweren Ermittlungen

Den Recherchen zufolge wird das Geschäft über ein komplexes Geflecht aus Briefkastenfirmen, Zahlungsdienstleistern und verschiedenen Unternehmensstandorten organisiert. Dadurch werde es für Behörden deutlich schwieriger, Geldflüsse nachzuvollziehen und Verantwortliche juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichzeitig profitieren die Betreiber von einer hohen Sichtbarkeit ihrer Angebote im Internet und sprechen gezielt Kunden in regulierten Märkten wie Deutschland an.

Für die deutschen Aufsichtsbehörden unterstreicht der Fall die Dimension des Schwarzmarkts. Während legale Anbieter strengen Vorgaben zu Spielerschutz, Identitätsprüfung und Einsatzlimits unterliegen, entziehen sich viele unlizenzierte Plattformen diesen Anforderungen vollständig. Die Enthüllungen dürften den politischen Druck erhöhen, die internationale Zusammenarbeit gegen illegale Online-Casinos weiter auszubauen und deren technische Infrastruktur konsequenter ins Visier zu nehmen.

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