StartStories & SkandaleCrimeFast 6 Milliarden Euro Einsätze: Großrazzia gegen illegales Online-Glücksspiel

Fast 6 Milliarden Euro Einsätze: Großrazzia gegen illegales Online-Glücksspiel

• Illegales Online-Glücksspiel mit 5Milliardeneinsätzen im Fokus.
• Mehr als 100 Einsatzkräfte durchsuchten elf Objekte im Raum Frankfurt.
• 82 Millionen Euro Vermögen wurden vorläufig gesichert.


Die groß angelegte Razzia im Rhein-Main-Gebiet richtet sich gegen eine Gruppe, die über Jahre hinweg unerlaubtes Online-Glücksspiel betrieben haben soll. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt seit mehr als drei Jahren gegen insgesamt fünf Beschuldigte. Ihnen wird vorgeworfen, ohne die dafür erforderliche deutsche Genehmigung mindestens seit Juli 2021 gewerbs- und bandenmäßig virtuelle Automatenspiele im Internet angeboten zu haben.

Am Dienstag schlugen die Ermittler zu: Insgesamt elf Wohnungen und Geschäftsräume wurden durchsucht. Beteiligt waren die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die Steuerfahndung des Finanzamts Frankfurt, das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität Nordrhein-Westfalen und die Frankfurter Polizei. Mehr als 100 Einsatzkräfte waren im Einsatz, außerdem wurde ein Haftbefehl vollstreckt.

Besonders groß ist das mutmaßliche finanzielle Ausmaß. Zwischen Juli 2021 und Ende 2023 sollen über die von den Beschuldigten betriebenen Websites Spieleinsätze von insgesamt 5,86 Milliarden Euro abgewickelt worden sein. Dabei handelt es sich ausdrücklich um die Summe der Einsätze und nicht um den Gewinn der Betreiber oder die tatsächlichen Verluste der Spieler.

Im Zuge der Razzia wurde ein Vermögensarrest über rund 82 Millionen Euro vollstreckt. Darunter befinden sich Guthaben auf mehreren Konten sowie hochwertige Fahrzeuge. Die Behörden beschlagnahmten mehrere Luxusautos und pfändeten verschiedene Konten. Die Maßnahmen stehen nicht nur im Zusammenhang mit dem Vorwurf des unerlaubten Online-Glücksspiels, sondern auch mit dem Verdacht, dass die Beschuldigten daraus resultierende Steuern nicht ordnungsgemäß abgeführt haben.

Millionen-Steuerschaden im Visier

Neben dem illegalen Glücksspiel bildet deshalb auch der steuerliche Aspekt einen zentralen Teil der Ermittlungen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die Beschuldigten die auf ihre Glücksspielangebote entfallenden Steuern seit mindestens Juli 2021 bis heute nicht vollständig oder überhaupt nicht gezahlt haben. Allein für das Jahr 2024 wird der mutmaßliche Steuerschaden auf 77,6 Millionen Euro beziffert.

Die Ermittlungen richten sich damit gegen ein Geschäftsmodell, das nach Einschätzung der Behörden über einen langen Zeitraum und in erheblichem Umfang betrieben worden sein soll. Für die Beschuldigten gilt allerdings weiterhin die Unschuldsvermutung, solange kein rechtskräftiges Urteil vorliegt.

Rechtsanwalt Dr. Patrick Redell erklärt dazu:

„Eine deutschsprachige Internetseite, eine Registrierung aus Deutschland und sogar eine Lizenz aus Malta oder einem anderen EU-Staat bedeuten noch nicht, dass das Glücksspielangebot in Deutschland legal ist.“

Entscheidend sei vielmehr, ob für das konkrete Angebot eine entsprechende deutsche Erlaubnis vorliegt. Laut Glücksspielstaatsvertrag 2021 können Formen des Online-Glücksspiels wie virtuelle Automatenspiele, Online-Poker und Sportwetten grundsätzlich genehmigt werden. Voraussetzung ist aber eine tatsächlich erteilte deutsche Erlaubnis. Eine Lizenz aus Malta, Gibraltar oder einem anderen Staat ersetzt diese Genehmigung nicht.

 

Wer wissentlich an einem öffentlichen unerlaubten Glücksspiel teilnimmt, kann nach § 285 StGB theoretisch mit bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe von bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden. Eine Strafbarkeit entsteht allerdings nicht automatisch: Entscheidend ist unter anderem, ob der Spieler wusste, dass das Angebot illegal war. Bei Rückforderungen können zudem Spielzeitraum, Anbieter, Spielform und die jeweils vorhandene deutsche Erlaubnis eine wichtige Rolle spielen.

Rückforderungen von Verlusten möglich

Für Spieler ist neben möglichen strafrechtlichen Fragen vor allem interessant, ob Verluste zurückgefordert werden können. Nach der Einschätzung von Dr. Redell können bei Online-Glücksspiel ohne erforderliche deutsche Erlaubnis grundsätzlich Rückzahlungsansprüche bestehen. Hintergrund ist, dass ein Spielvertrag bei einem verbotenen Angebot unter Umständen unwirksam sein kann und für geleistete Einsätze dann kein rechtlicher Grund besteht.

Auch der Europäische Gerichtshof hat die Position von Spielern zuletzt gestärkt. In seinem Urteil vom 16. April 2026 stellte er fest, dass Deutschland bestimmte Online-Glücksspiele verbieten und daran auch zivilrechtliche Folgen wie die Rückzahlung verlorener Einsätze knüpfen darf. Das gilt grundsätzlich auch dann, wenn ein Anbieter über eine Lizenz eines anderen EU-Mitgliedstaats verfügt.

Für die aktuellen Ermittlungen ist besonders relevant, dass der mutmaßlich illegale Betrieb gerade im Zeitraum nach dem Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags 2021 stattgefunden haben soll. Ob einzelne Spieler tatsächlich Ansprüche besitzen, muss allerdings anhand des jeweiligen Anbieters, der konkreten Spielform, des Spielzeitraums und der damaligen Genehmigungssituation geprüft werden.

Der Frankfurter Fall zeigt damit die erhebliche Größenordnung, die illegales Online-Glücksspiel in Deutschland erreichen kann. Die milliardenschweren Spieleinsätze und der hohe Steuerschaden sowie die gesicherten Vermögenswerte machen deutlich, warum die Behörden das Verfahren nach mehr als drei Jahren verdeckter Ermittlungen nun mit einer umfangreichen Razzia vorangetrieben haben.

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