• Lula gewinnt die Wahl und verschärft die Unsicherheit für Wettanbieter.
• Wettverbot bedroht Lizenzen, Umsätze und Investitionen in Milliardenhöhe.
• Ob Sportwetten zurückkehren dürfen, hängt von Gerichten und dem Kongress ab.
Luiz Inácio Lula da Silva bleibt Brasiliens Präsident. Bei der Stichwahl am 25. Oktober 2026 erhielt er 51,79 Prozent der Stimmen, sein Herausforderer Flávio Bolsonaro kam auf 48,21 Prozent. Lula setzte sich damit mit einem Vorsprung von mehr als vier Millionen Stimmen durch. Für die Glücksspielbranche ist das Ergebnis ein Rückschlag: Viele Unternehmen hatten auf einen Wahlsieg Bolsonaros gehofft und bereits Gespräche über eine mögliche Änderung des Wettverbots geführt.
Lula hatte am 25. September mit der vorläufigen Maßnahme das Verbot von Sportwetten mit festen Quoten und Online-Glücksspielen angeordnet. Damit wurde ein regulierter Markt getroffen, der erst am 1. Januar 2025 gestartet war. Die Regelung untersagt nicht nur den Betrieb und die Vermittlung entsprechender Angebote, sondern auch deren Werbung. Einzahlungen wurden unmittelbar gestoppt; Kunden konnten ihre Guthaben bis zum 5. Oktober abheben. Seit dem 6. Oktober sollen die lizenzierten Websites und Apps nicht mehr erreichbar sein.
Schutz der Bevölkerung als Argument
Lula begründet seinen Kurs mit dem Schutz verschuldeter Haushalte. Während einer Liveübertragung am 22. Oktober mit dem Abgeordneten André Janones und der Finanzbildnerin Nath Finanças bekräftigte er, dass Wettplattformen nicht zurückkehren sollten. Flávio Bolsonaro hatte das Verbot dagegen kritisiert und auf die fehlende Rechtssicherheit für zuvor zugelassene Unternehmen hingewiesen. Er stellte eine mögliche Fortsetzung von Sportwetten bei gleichzeitigem Verbot von Online-Casinos in Aussicht, legte allerdings ebenfalls kein vollständig ausgearbeitetes alternatives Regelwerk vor.
Sérgio Paulino, Gründer von All Bettors, erklärt:
„Brasilien ist für künftige Betreiber gerade zu einem unsicheren und unzuverlässigen Markt für Investitionen geworden.“
Er erwarte, dass strengere Steuern, engere Werbevorschriften und zusätzliche Prüfpflichten kleinere Anbieter zum Rückzug bewegen könnten. Größere Unternehmen dürften ihre Präsenz eher reduzieren oder Investitionen in andere lateinamerikanische Märkte wie Mexiko, Argentinien, Kolumbien und Peru verlagern. Paulinos Einschätzung ist eine Branchenprognose, keine bereits beschlossene künftige Steuer- oder Regulierungspolitik.
Die Unternehmen hatten für eine fünfjährige Lizenz jeweils 30 Millionen brasilianische Real gezahlt, umgerechnet rund 6 Millionen US-Dollar. Zusätzlich waren jeweils 5 Millionen Real als Rücklagen vorgesehen. Nach Angaben des Branchenberichts belaufen sich die durch die Betriebseinstellung entstandenen Umsatzeinbußen auf etwa 1,2 Milliarden Real; zugleich entgingen dem Staat mehr als 400 Millionen Real an Steuereinnahmen. Die Zahlen verdeutlichen die wirtschaftlichen Folgen des abrupten Verbots. Ob und in welcher Höhe Betreiber Entschädigungen erhalten, ist bislang ungeklärt.
Gerichte und Parlament entscheiden über die Rückkehr
Die Auseinandersetzung wird nun auf zwei Ebenen fortgesetzt: vor dem Obersten Bundesgericht und im Nationalkongress. Branchenverbände und Fußballklubs haben rechtliche Schritte gegen die Maßnahme eingeleitet. Der zuständige Richter Luiz Fux soll prüfen, ob das Verbot verfassungsgemäß ist. Eine Aufhebung könnte den Weg für eine Rückkehr des regulierten Marktes öffnen, würde aber nicht automatisch bedeuten, dass die bisherigen Lizenzen wieder gültig werden. Laut Branchenberichten ist auch denkbar, dass ein neues Lizenzierungsverfahren notwendig wird.
Im Parlament muss die vorläufige Maßnahme bis zum 25. November 2026 behandelt werden. Eine Verlängerung um weitere 60 Tage ist möglich. Ab dem 9. November soll die Tagesordnung des Kongresses blockiert sein, solange die Abstimmung über die Maßnahme aussteht. Für die gemeinsame Prüfung wurden 12 Senatoren und 13 Abgeordnete als ordentliche Mitglieder benannt; weitere sechs Senatoren und sieben Abgeordnete gehören zu den Stellvertretern. Das vollständige Gremium umfasst 26 Senatoren und 26 Abgeordnete. Die politische Zusammensetzung erschwert es Lula, die Regelung ohne Widerstand dauerhaft durchzusetzen.
Auch die künftige Form der Regulierung ist offen. Im Kongress gibt es Hinweise auf ein mögliches Modell, bei dem Sportwetten wieder zugelassen würden, Online-Casinos aber verboten blieben. Die Liberale Partei von Bolsonaro hat ihre Präsenz auf 121 Abgeordnete in der Abgeordnetenkammer und 29 Senatoren im Senat ausgebaut. Das könnte die Chancen auf Änderungen erhöhen, garantiert aber keine Wiederzulassung. Eine umfassende Rückkehr des Marktes ist deshalb ebenso wenig gesichert wie eine dauerhafte Fortsetzung des vollständigen Verbots.
Die wirtschaftlichen Risiken lassen sich bereits an einzelnen Unternehmen ablesen. Flutter Entertainment rechnet für den Fall, dass es den Betrieb in Brasilien bis Ende 2026 nicht wieder aufnehmen kann, mit rund 70 Millionen US-Dollar weniger Umsatz und 20 Millionen US-Dollar weniger bereinigtem EBITDA. 2025 hatte Flutter für insgesamt 674 Millionen US-Dollar eine Beteiligung von 56 Prozent an NSX erworben und damit die Marke Betnacional mit dem bestehenden Brasiliengeschäft von Betfair zusammengeführt. Die Investition war auf einen regulierten Markt ausgerichtet, dessen Zukunft nun unklar ist.
Wachsender Schwarzmarkt?
Auch die Gefahr eines wachsenden illegalen Marktes beschäftigt die Branche. Nach Angaben von Gambling Insider stieg die Zahl erkannter nicht zugelassener Wett-Domains zwischen dem 25. und 29. September von 381 auf 1.071 – ein Anstieg um rund 181 Prozent. Der Anteil ausländischer Anbieter an den brasilianischen Suchanfragen rund um Glücksspiel erhöhte sich laut Blask von 3,4 Prozent am 24. September auf 11,3 Prozent am 30. September. Bis zum 29. September waren zudem 5.209 glücksspielbezogene Domains zur Entfernung gemeldet und 2.387 von der Telekommunikationsaufsicht Anatel zur Sperrung angeordnet worden. Suchanfragen und Domainzahlen belegen allerdings nicht unmittelbar, wie viel Geld tatsächlich auf illegale Plattformen abfließt.
H2 Gambling Capital schätzt, dass bei anhaltendem Verbot jährlich 25 Milliarden Real beziehungsweise rund 4,8 Milliarden US-Dollar an Ausgaben in den Offshore-Markt wandern könnten. Es handelt sich um eine Prognose, nicht um bereits eingetretene Verluste. Parallel warnen Branchenvertreter vor einem Vertrauensverlust bei internationalen Investoren. Die Verbände IBJR und ANJL werben unter dem Motto „Verbieten heißt nicht schützen“ für eine Rückkehr lizenzierter Anbieter und argumentieren, dass ein Verbot die Nachfrage nicht beseitige, sondern den Spielerschutz schwäche.
Ein politischer Faktor bleibt die öffentliche Wahrnehmung. Laut einer Umfrage vom 21. Oktober nannten 11 Prozent der Befragten, die sich an mindestens eine jüngere Regierungsankündigung erinnerten, das Wettverbot. Damit lag es hinter der Erhöhung der Sozialhilfe Bolsa Família mit 25 Prozent und dem vorgeschlagenen Ende der Sechs-Tage-Arbeitswoche mit 16 Prozent. Insgesamt hielten 60 Prozent der Befragten, die diese Ankündigungen kannten, die Maßnahmen für wahlpolitisch motiviert; dieser Wert bezog sich jedoch auf die Ankündigungen insgesamt und nicht speziell auf das Wettverbot.
Damit ist Lulas Wiederwahl ein deutliches Warnsignal für die Branche, aber noch keine endgültige Entscheidung über die Zukunft der Wettanbieter. Der Präsident kann politisch Druck ausüben, doch über die Fortgeltung des Verbots und die Bedingungen einer möglichen Rückkehr entscheiden auch Gerichte und Parlament. Selbst wenn Sportwetten wieder zugelassen werden sollten, könnten neue Lizenzen, strengere Kontrollen und höhere Kosten das Geschäftsmodell grundlegend verändern. Die Unsicherheit könnte sich daher weit über die kommenden Monate hinausziehen und die Investitionsentscheidungen der Anbieter noch bis 2027 oder 2028 beeinflussen.

