StartRecht & BusinessSpielerschutzUni Hohenheim warnt: Sportwetten-Werbung im Fußball allgegenwärtig

Uni Hohenheim warnt: Sportwetten-Werbung im Fußball allgegenwärtig

• Werbung für Sportwetten ist im Fußball allgegenwärtig.
• Forschende sehen Risiken für Jugendliche und gefährdete Spieler.
• Strengere Werberegeln und mehr Spielerschutz gefordert.


Fußball und Sportwetten sind heute enger miteinander verknüpft als je zuvor. Genau darin sehen Forschende der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim ein wachsendes Problem. Eine aktuelle Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Werbung für Sportwetten während großer Fußballereignisse inzwischen eine enorme Präsenz erreicht und dabei häufig nicht ausreichend als Werbung erkennbar ist. Besonders kritisch sei dies für Kinder, Jugendliche und Menschen mit bestehenden Glücksspielproblemen, so die Autoren der am Dienstag veröffentlichten Analyse.

Für die Studie analysierten die Forschenden unter anderem die Übertragungen von 11 Spielen der Fußball-Europameisterschaft 2024 sowie die Social-Media-Aktivitäten von 10 legalen Sportwettenanbietern. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Rund um ein einzelnes Fußballspiel wurden Zuschauer im Durchschnitt mit etwa 15 Minuten Glücksspielwerbung konfrontiert – also ungefähr so lange wie eine komplette Halbzeitpause. Ein Großteil der Werbekontakte entstand durch Bandenwerbung und Sponsoreneinblendungen im Stadion.

Fehlende Warnhinweise

Besonders auffällig war die geringe Sichtbarkeit von Warn- und Alterskennzeichnungen. Sowohl bei den untersuchten EM-Spielen als auch bei Bundesliga-Übertragungen waren entsprechende Hinweise in weniger als 4 % der Werbekontakte vorhanden. Der Grund liegt nach Ansicht der Forschenden in einer regulatorischen Lücke: Für Trikotwerbung, Bandenwerbung oder Sponsorenlogos gelten derzeit andere Kennzeichnungspflichten als für klassische Online-Werbung.

Auch soziale Netzwerke geraten in den Fokus der Untersuchung. Dort wurden zwar fast alle Werbebotschaften mit Warnhinweisen versehen, gleichzeitig nutzten viele Anbieter moderne Marketingstrategien, die Werbung und Unterhaltung miteinander vermischen. Beiträge griffen aktuelle Spielszenen auf, arbeiteten mit Emojis oder zeigten aktive Profifußballer. Dadurch werde Werbung oft nicht mehr unmittelbar als solche erkannt.

Sportwetten profitieren von einem besonderen Werbeumfeld. Fußball steht für Emotionen, Gemeinschaft und Vereinsloyalität – genau diese positiven Gefühle werden häufig auf Wettangebote übertragen. Forschende und Suchtpräventionsexperten warnen deshalb seit Jahren davor, dass Sportwetten dadurch als normaler Bestandteil des Fußballerlebnisses erscheinen. Gerade junge Fans könnten dadurch die Risiken deutlich unterschätzen.

Hinzu kommt die Gefahr für Menschen, die bereits eine Glücksspielstörung überwunden haben oder aktuell damit kämpfen. Die ständige Sichtbarkeit von Wettangeboten könne Rückfälle begünstigen und den Ausstieg aus problematischem Spielverhalten erschweren. Die Forschenden sprechen deshalb von einer besonderen Verantwortung im Umfeld des Sports.

Forschende fordern strengere Regeln

Die Studienautoren sehen vor allem bei jungen Zielgruppen Handlungsbedarf. Viele Werbemaßnahmen richteten sich erkennbar an überwiegend männliche Nutzergruppen – also genau jene Bevölkerungsgruppe, die statistisch besonders häufig von glücksspielbezogenen Problemen betroffen ist. Werbung könne dabei nicht nur Interesse wecken, sondern langfristig auch Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen.

Dr. Steffen Otterbach von der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim erklärt:

„Gerade Kinder und Jugendliche nehmen solche Inhalte als besonders ansprechend wahr, erkennen sie jedoch oft nicht als Werbung.“

Aus Sicht der Wissenschaft reichen die bisherigen Regelungen deshalb nicht aus. Gefordert werden unter anderem strengere Einschränkungen während Live-Übertragungen, einheitliche Kennzeichnungspflichten für alle Werbeformen, technische Altersbarrieren sowie verpflichtende Warnhinweise unabhängig vom jeweiligen Werbekanal.

Die Forschenden argumentieren, dass Sportwetten zunehmend als normaler Bestandteil des Fußballerlebnisses wahrgenommen werden. Dadurch verschwimme die Grenze zwischen sportlicher Leidenschaft und kommerziellem Wettangebot. Die Risiken von Glücksspielen träten dabei häufig in den Hintergrund.

Die Debatte dürfte in den kommenden Monaten weiter an Fahrt aufnehmen. Mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 steht bereits das nächste globale Großereignis bevor – und damit auch die nächste Welle an Sportwetten-Werbung. Die Frage wird sein, ob Politik und Regulierungsbehörden bis dahin auf die Kritik der Forschenden reagieren oder ob die Sichtbarkeit von Wettangeboten im Fußball weiter zunimmt.

ÄHNLICHE ARTIKEL

BELIEBTE ARTIKEL

Entdecke mehr von Gaming-Affairs

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen